Märchen
Der Basilikumtopf
Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten keine Kinder. Die Frau betete zu Gott und sagte: "Lieber Gott, gib mir ein Kind, und wenn es auch nur ein Basilikumtopf ist." Gott erhörte sie und gab ihr einen Topf mit einem Basilikum.
Wie die Jahre vergingen, wuchs der Topf mit dem Basilikum: der Topf wurde groß wie ein Kübel und das Basilikum wie ein Weinstock.
Den Topf hatte die Frau am Fenster. Eines Tages ging der Königssohn vorbei, und sowie er ihn sah, gefiel er ihm. Er pochte an die Tür, die Frau öffnete ihm, und er ging hinauf. "Gibst du mir wohl diesen Basilikumtopf?" sagte er zur Frau, "ich will dir so viel Dukaten geben, wie du verlangst."
Da überlegte die Frau, daß sie arm war, und willigte ein. Sie verlangte hunderttausend Golddukaten. Der Königssohn ging ins Schloß, schickte ihr die hunderttausend und bekam den Basilikumtopf. Er nahm ihn mit sich und setzte ihn in seinem Gemach vors Fenster und begoß ihn früh und spät.
Der Königssohn war gewohnt, immer mittags und abends in seinem Gemach zu essen. Also brachten sie ihm auch an dem Abend, als er das Basilikum bekommen hatte, die Mahlzeit, und er aß, und sie trugen die Reste nicht fort, wie sonst immer.
Eine ganze Weile saß der Königssohn und freute sich an seinem Topf, und dann legte er sich nieder zum Schlafen. Ihm zu Häupten brannte eine Kerze und zu seinen Füßen eine Öllampe.
Als er nun eingeschlafen war, stieg aus dem Basilikum ein Mädchen, deren Schönheit auf der Welt nicht ihresgleichen fand, und nachdem sie tüchtig gegessen hatte, nahm sie die Kerze, setzte sich zu seinen Füßen hin, und die Öllampe setzte sie ihm ans Kopfende.
Als der Königssohn am Morgen aufwachte, sah er die Speisen aufgegessen, die Öllampe am Kopfende und die Kerze zu seinen Füßen. Er wunderte sich, denn die Tür war verriegelt.
Am nächsten Abend wieder dasselbe. Da paßte der Königssohn auf, und am dritten Abend schlief er nicht ein, und als das Mädchen aus dem Basilikum stieg, ließ er sie zuerst essen, und dann, als sie sich anschickte, die Kerze vom Kopfende zu nehmen, ergriff er sie bei der Hand und sagte zu ihr: "Warum, mein Licht, läßt du dich nicht sehen, sondern hältst dich verborgen?"
"Jetzt hast du mich ertappt, sagt sie, "aber zeige mich niemandem." "Gut, ich zeige dich niemandem", antwortete der Königssohn. Und er befahl den Mägden, daß sie ihm reichlicher zu essen brächten.
Es vergingen einige Monate, da mußte der Königssohn zusammen mit seinem Vater in den Krieg ziehen. Da trug er seiner Mutter auf, abends und morgens das Basilikum zu begießen und immer die Mägde mit den Speisen in sein Gemach zu schicken und keinen Fremden hineinzulassen. Nur sie sollte den Schlüssel haben, sie sollte zuschließen und aufschließen, und zu dem Mädchen sagte er: "Ich muß in den Krieg ziehen. Deine Mahlzeit wird man dir immer bringen, und das Basilikum wird meine Mutter begießen. Du riegele dich ein, wenn du schlafen gehst, bis ich aus dem Krieg komme. Und ängstige dich nicht; ich werde nicht lange fortbleiben, ich bin bald wieder hier."
So zog der Königssohn fort und die Königin schloß auf, und die Dienerin brachte das Mahl, und dann schloß die Königin wieder gut zu, und früh und spät kam die Mutter selbst und begoß das Basilikum.
Dieser Königssohn war verlobt mit einer Wesirstochter. Seitdem nun das Mädchen aus dem Basilikum erschienen war, hatte er seine Verlobte vernachlässigt und besuchte sie überhaupt nicht mehr, und die Wesirstochter wunderte sich, warum. Man forderte den Königssohn auf, doch zu heiraten, aber er meinte, es wäre noch nicht der richtige Zeitpunkt, und dann zog er zu Felde.
In seiner Abwesenheit ging die Wesirsfrau mit ihrer Tochter in das königliche Schloß, um der Schwiegermutter, der Königin, Gesellschaft zu leisten. Nachdem sie eine Zeitlang zusammen- gesessen hatten, erhoben sie sich und gingen durch das Schloß. Die Wesirstochter bat ihre Schwiegermutter, das Gemach ihres Verlobten zu öffnen, sie möchte es gern sehen.
"Ach, liebes Mädchen", sagte die Königin, "dein Verlobter hat streng befohlen, daß niemand sein Gemach betreten soll." "Nun, mir zuliebe wirst du es doch öffnen", sagte die Wesirstochter.
Um ihr den Wunsch nicht abzuschlagen, schloß die Königin auf, und die Wesirstochter trat hinein, und die beiden Schwiegermütter blieben draußen. Das Mädchen aus dem Basilikum saß zu dieser Stunde am Fenster und kämmte sich, und die Haare, die sie herauszog, warf sie ins Meer, und sie wurden zu goldenen Fischen. Denn unter dem Fenster des Gemaches war das Meer.
Als die Wesirstochter sie sah, dachte sie: "Ha, mein Verlobter hat ein Mädchen in seinem Zimmer, und ich weiß es nicht! Und sie gibt ihr einen Stoß und wirft sie aus dem Fenster ins Meer, damit sie ertrinkt. In diesem Augenblick ging der Sonnenball unter, er nahm das Mädchen in seine Strahlen und brachte sie zu seiner Mutter.
Die Wesirstochter trat aus dem Gemach, und die Königin schloß wieder zu. Später wollte sie das Basilikum begießen. Da sah sie, daß es welk war, und sie wunderte sich, warum es wohl vertrocknet war. Am Abend schloß sie auf und ließ die Dienerin die Mahlzeit bringen. Am Morgen ging sie wieder hin und fand das Basilikum vertrocknet und die Speisen unberührt. Und die Königin grämte sich, weil die Speisen unberührt und das Basilikum trocken und welk war.
Nachdem zwei, drei Monate vergangen waren, kamen der König und der Königssohn aus dem Krieg. Der Königssohn nimmt den Schlüssel aus den Händen seiner Mutter und geht geradenwegs in sein Gemach. Er öffnet, und was muß er sehen! Das Basilikum trocken und verwelkt! Er fängt an zu weinen und ruft seine Mutter: "Mutter, warum hast du das Basilikum nicht begossen, sondern hast es vertrocknen lassen?" "Ich habe es begossen, und ich weiß nicht, warum es vertrocknet ist."
"Dann wird ein Fremder in mein Gemach gekommen sein. Sage mir, wer es war!" "Ja, eines Tages kam deine Schwiegermutter mit deiner Verlobten, um mir Gesellschaft zu leisten, und sie bat mich, dein Gemach zu öffnen, sie möchte es sehen. Und um sie nicht zu verletzen, habe ich es aufgeschlossen, und sie ist drin herumgegangen." "O weh! sie hat das Basilikum verdorren lassen. Warum hast du ihr geöffnet!" Vor lauter Traurigkeit fiel der Königssohn in eine schwere Krankheit. Die Wesirstochter wollte ihn besuchen, aber er wies sie ab.
Das Mädchen aus dem Basilikum fragte jeden Abend die Sonne: "Was macht der Königssohn? Ist er aus dem Krieg zurückgekommen?" Und die Sonne antwortete jedesmal: "Noch nicht."
Eines Abends aber antwortete die Sonne: "Der Königssohn ist zurückgekehrt und ist krank. Sein Vater hat die besten Ärzte gerufen, aber sie können die Krankheit nicht erkennen. Immer sind seine Augen auf das Basilikum gerichtet, und er ist in Gefahr zu sterben." "Ich bitte dich sehr", sagte das Mädchen, "nimm mich mit in deinen Strahlen, wenn du morgen früh aufgehst und die Welt erhellst, und setze mich nieder auf das Basilikum. Ich bitte dich sehr." "Ich will es tun", sagte der Sonnenball.
Und am Morgen nahm er sie in seine Strahlen und setzte sie auf das Basilikum, und sofort wurde das Basilikum grün und erholte sich. Kaum sah der Königssohn, daß es grün wurde, da verließ ihn die Krankheit, und er schickte alle aus seinem Zimmer, und sie meinten, er wäre wahnsinnig geworden.
Am Abend verlangte er, daß sie ihm den Tisch mit den Speisen brächten, und er riegelte ab, und das Mädchen entstieg dem Basilikum. Da fragte er sie, wie es geschehen konnte, daß sie verschwunden war und auf welche Weise sie wieder zurückgekommen sei. Und das Mädchen erzählte: "Eines Tages, als ich am Fenster saß und meine Haare kämmte, öffnete sich die Tur, und ein Mädchen trat herein und gab mir einen Stoß, daß ich ins Meer fiel. In dem Augenblick ging der Sonnenball unter, und er fing mich in seinen Strahlen auf und brachte mich zu seiner Mutter. Und jeden Abend fragte ich ihn, wie es dir geht. Und als er mir sagte, daß du schwer krank seist, bat ich ihn, und er brachte mich hierher."
Und der Königssohn sagte: "Die dich hinuntergestoßen hat, ist die Wesirstochter, meine Verlobte, und das, was sie dir tun wollte, das werden wir ihr antun, damit sie zur Einsicht kommt."
Am nächsten Tag also sagte er zu seiner Mutter, sie sollten die Hochzeit rüsten, er wolle sich mit der Wesirstochter verheiraten. Sie schickten auch dem Wesir Botschaft und auch er traf seine Vorbereitungen, und am Abend, als sie die Braut brachten, damit sie ihre Fingernägel rot anmalten , führte der Königssohn sie in sein Zimmer und warf sie aus dem Fenster ins Meer, da konnten die Fische sie fressen.
Dann trat das Basilikummädchen heraus, und alle meinten, es wäre die Wesirstochter, und färbten ihr die Hände rot, und am Sonntag war die Hochzeit. und man gab sie zusammen. Und ich war auch dabei und bin dort herumspaziert.
Die drei Pomeranzen
Es war einmal ein armes Weib, das hatte ein einziges Töchterlein, welches sie wie ihren Augapfel liebte. Obgleich das Mädchen erst neun Jahre alt war, so war es doch so verständig wie eine Erwachsene und gar sanft und fromm. Eines Tages waren Mutter und Tochter im Walde gewesen, um Holz zu klauben, und als sie heimkehrten, sahen sie bei einem Baume drei Feen, welche schon lange zu warten schienen und in gebieterischem Tone zur Mutter sagten: »Heute über ein Jahr führe dein Kind zu uns hierher auf diese Stelle!«
Voll Verzweiflung ging die Frau nach Hause. Wie viele Tränen weinte sie, und wie traurig war sie stets! Aber das Mädchen suchte sie immer zu trösten. »Gott wird mir helfen, liebe Mutter«, sagte es oft, du wirst sehen, daß ich bald wieder wohlbehalten zu dir zurückkehre.«
Als das Jahr abgelaufen war, führte die Mutter, denn sie wagte nicht, ungehorsam zu sein, schweren Herzens ihre Tochter in den Wald. Dort warteten die drei Feen schon. Sie nahmen das Mädchen bei der Hand und entschwanden bald aus den Augen der Mutter, welche weinend nachschaute und tiefhetrübt nach Hause ging.
Die drei Frauen aber führten das Mädchen in ihre Wohnung tief im Walde und legten ihm allerlei häusliche Dienste auf. Obwohl das Mädchen alles unverdrossen verrichtete, gelang es ihm doch nicht, sich die Gunst seiner strengen und unfreundlichen Gebieterinnen zu erwerben. Ja, es kam dahin, daß sie das Mädchen immer mehr haßten, und sie beschlossen, dasselbe ins Verderben zu schicken.
»Höre, Kind«, sagte eines Abends eine der drei Feen, »geh morgen an diesen und diesen Ort und in diesen und diesen Palast hin. Dort tritt ein und nimm der Alten, welche du dort findest, die drei Pomeranzen weg, und bringe sie uns her. Wehe dir, wenn du unser Gebot nicht erfüllst!«
Das arme Mädchen versprach es zu tun; aber es ahnte wohl selbse, wie gefährlich dieses Unternehmen sein werde. Es weinte die ganze Nacht, dachte immer an seine liebe Mutter und betete inbrünstig, daß ihm das aufgetragene Werk gelingen möge.
Am frühen Morgen machte es sich auf den Weg. Als es einige Stunden gegangen war, begegnete es einem alten Manne. »Wohin gehst du?« fragte er mitleidig, als er das Kind mit den verweinten Augen sah.
»Ach, wenn du es wüßtest!« erwiderte es und erzählte ihm treuherzig alles.
Da sprach der Alte: »Nimm diese Dinge, geh hin und mache davon Gebrauch, sobald du es nötig hast.«
Und er gab ihm Nägel, ein Fläschchen Öl, einen Korb mit Brot, einen Besen und ein Seil. Das Mädchen nahm es, dankte recht herzlich dafür und machte sich, obwohl es an diesen Dingen ziemlich schwer zu tragen hatte, doch mit gutem Troste und besserem Mute wieder auf den Weg.
Bald kam es an den von den Feen bezeichneten Ort und stand vor dem Palast. Davor war ein tiefer Graben und darüber führte eine Brücke, die war so alt und zerbrochen, daß man beim ersten Schritt darauf in die Tiefe stürzen mußte. Das Mädchen aber nahm die Nägel und befestigte damit ein Brett nach dem andern, so daß es bald hinüber war. Nun gelangte es zu einem großen Tor, das war mit Riegel und Ketten verschlossen, und die waren so eingerostet, daß auch ein Riese mit all seiner Kraft sie nicht hätte zurückschieben können. Da nahm das Mädchen das Ölfläschchen und bestrich Riegel, Ketten und Angeln mit Ö1, worauf sich das Tor wie von selbst öffnete. Gleich hinter dem Tor lag ein Rudel Hunde, die stürzten sich wüte auf das Mädchen, als wollten sie es zerreißen. Da griff es den Korb, warf das Bror unter die Hunde und ging wei über einen Hof. Da war ein Weib, welches den Hof r seinem Kleide kehrte. Das Mädchen gab ihr den Bes~ Ganz nahe war ein Brunnen, daran stand ein Weib und z den schweren Wassereimer mit ihren Haarflechten aus c Tiefe herauf. Hurtig gab ihr das Mädchen das Seil.
Nun war das Mädchen an der Stiege. Vorsichtig und lei ging es hinauf und kam in ein großes Gemach. Da saß ei Alte halb wach und halb schlafend und spann. Auf einc Kasten lagen in einem goldenen Teller die drei Pomera zen. Rasch ergriff sie das Mädchen und eilte hinweg. ~ lein die Alte hatte es doch gemerkt und humpelte ihr nac Als das Mädchen am Brunnen war, rief die Alte de Weibe, welches dort Wasser schöpfte, zu: »Halt sie auf, sie hat mir die drei Pomeranzen gestohlen!«
Aber das Weib sagte: »Das tu ich nicht, seit so vielen Jahren zog ich den Wassereimer mit meinen Haarflecht' herauf, und nun hat mir das gute Kind ein Seil gegeben.« Als das Mädchen zum Weibe kam, welches den H kehrte, rief die Alte wieder: »Schlag sie zu Boden, sie hat mir die drei Pomeranzen gestohlen!«
Allein das Weib sagte: »Das tu ich nicht, seit so vielen Jahren kehrte ich den Hof mit meinem Kleide, und nun hat mir das gute Kind einen Besen gegeben.«
Das Mädchen war schon bei den Hunden, da schrie die Alte zornig: »Packt sie, Hunde, zerreißt sie, sie hat mir d drei Pomeranzen gestohlen!«
Allein die Hunde bellten nicht einmal, sondern sagte, »Das tun wir nicht, seit so vielen Jahren haben wir Hung' gelitten, und nun hat uns das gute Kind Brot gegeben.«
Schon war das Mädchen am Tor, da schrie die Alte noch stärker: »Schließ dich, Tor, zerquetsche sie, sie hat mir d drei Pomeranzen gestohlen!«
Aber das Tor rührte sich nicht, sondern sagte: »Das tu ich nicht, seit so vielen Jahren war ich rostig, und nun hat mich das gute Kind mit Oel bestrichen.«
Eben trat das Mädchen auf die Brücke, da schrie die Alte noch einmal im höchsten Grimm: »Falle, Brücke, wirf sie hinab, sie hat mir die drei Pomeranzen gestohlen!«
Die Brücke aber schwankte nicht einmal, sondern sagte: »Das tu ich nicht, seit so vielen Jahren war ich zerbrochen, und nun hat mich das gute Kind wieder gemacht!«
Nun konnte die Alte nicht mehr weiter, und das Mädchen war gerettet. Es dankte Gott und setzte freudig seinen Weg fort, bis es wieder zu den Feen kam. Diese waren nicht wenig erstaunt, das Mädchen wieder zusehen, noch erfreuter waren sie, als es ihnen die drei Pomeranzen überreichte. Nachdem es ihnen alles erzählt hatte, lobten sie es und fragten, was für eine Belohnung es wolle. Das Mädchen verlangte nichts anderes, als zu seiner Mutter zurückkehren zu dürfen. Die Feen gestatteten es ihm und überhäuften es überdies mit den reichsten und kostbarsten Geschenken.
Welch große Freude die Mutter hatte, ihre Tochter wiederzusehen, kann ich nicht beschreiben und will nur noch sagen, daß Mutter und Tochter fürderhin glücklich zusammenlebten und all die frühere Armut und Not für immer ein Ende hatte.
[Märchen aus Südtirol]
Die Kristallkugel
Es war einmal eine Zauberin, die hatte drei Söhne, die sich brüderlich liebten, aber die Alte traute ihnen nicht und dachte, sie wollten ihr ihre Macht rauben. Da verwandelte sie den ältesten in einen Adler, der mußte auf einem Felsengebirge hausen, und man sah ihn manchmal am Himmel in großen Kreisen auf und nieder schweben. Den zweiten verwandelte sie in einen Walfisch, der lebte im tiefen Meer, und man sah nur, wie er zuweilen einen mächtigen Wasserstrahl in die Höhe warf. Beide hatten nur zwei Stunden jeden Tag ihre menschliche Gestalt. Der dritte Sohn, da er fürchtete, sie möchte ihn auch in ein reißendes Tier verwandeln, in einen Bären oder einen Wolf, so ging er heimlich fort. Er hatte aber gehört, daß auf dem Schloß der goldenen Sonne eine verwünschte Königstochter säße, die auf Erlösung warte. Es müßte aber jeder sein Leben daran wagen, schon dreiundzwanzig Jünglinge wären eines jämmerlichen Todes gestorben und nur noch einer übrig, dann dürfte keiner mehr kommen.Da sein Herz ohne Furcht war, faßte er den Entschluß, das Schloß der goldenen Sonne aufzusuchen. Er war schon lange Zeit herumgezogen und hatte es nicht finden können, da geriet er in einen großen Wald und wußte nicht, wo der Ausgang war. Auf einmal erblickte er in der Ferne zwei Riesen, die winkten ihm mit der Hand, und als er zu ihnen kam, sprachen sie: »Wir streiten um einen Hut, wem er gehören soll, und da wir beide gleich stark sind, so kann keiner den andern überwältigen. Die kleinen Menschen sind klüger als wir, daher wollen wir dir die Entscheidung überlassen.«
»Wie könnt ihr euch um einen alten Hut streiten?« sagte der Jüngling.»Du weißt nicht, was er für Eigenschaften hat. Es ist ein Wünschhtut, wer den aufsetzt, der kann sich hinwünschen, wohin er will, und im Augenblick ist er dort. «
»Gebt mir den Hut«, sagte der Jüngling, »ich will ein Stück Wegs gehen, und wenn ich euch dann rufe, so lauft um die Wette, und wer am ersten bei mir ist, dem soll er gehören.« Er setzte den Hut auf und ging fort, dachte aber an die Königstochter, vergaß die Riesen und ging immer weiter.
Einmal seufzte er aus Herzensgrund und rief: »Ach, wäre ich doch auf dem Schloß der goldenen Sonne!« Und kaum waren die Worte über seine Lippen, da stand er auf einem hohen Berg vor dem Tor des Schlosses.Er trat hinein und ging durch alle Zimmer, bis er in dem letzten die Königstochter fand. Aber wie erschrak er, als er sie anblickte: Sie hatte ein aschgraues Gesicht voll Runzeln, trübe Augen und rote Haare.
»Seid Ihr die Königstochter, deren Schönheit alle Welt rühmt?« rief er aus.
»Ach«, erwiderte sie, »das ist meine Gestalt nicht. Die Augen der Menschen können mich nur in dieser Häßlichkeit erblicken, aber damit du weißt, wie ich aussehe, so schau in den Spiegel. Der läßt sich nicht irremachen, der zeigt dir mein Bild, wie es in Wahrheit ist. «
Sie gab ihm den Spiegel in die Hand, und er sah darin das Abbild der schönsten Jungfrau, die auf der Welt war, und sah, wie ihr vor Traurigkeit die Tränen über die Wangen rollten.
Da sprach er: »Wie kannst du erlöst werden? Ich scheue keine Gefahr.«
Sie sprach: »Wer die kristallne Kugel erlangt und hält sie dem Zauberer vor, der bricht damit seine Macht, und ich kehre in meine wahre Gestalt zurück. Ach«, setzte sie hinzu, »schon so mancher ist darum in seinen Tod gegangen und du, junges Blut, du jammerst mich, wenn du dich in die große Gefahr begibst.«
»Mich kann nichts abhalten,«, sprach er, »aber sage mir, was ich tun muß. «
»Du sollst alles wissen«, sprach die Königstochter,»wenn du den Berg, auf dem das Schloß steht, hinabgehst, so wird unten an einer Quelle ein wilder Auerochs stehen, mit dem mußt du kämpfen. Und wenn es dir glückt, ihn zu töten, so wird sich aus ihm ein feuriger Vogel erheben, der trägt in seinem Leib ein glühendes Ei, und in dem Ei steckt als Dotter die Kristallkugel. Er läßt aber das Ei nicht fallen, bis er dazu gedrängt wird. Fällt es aber auf die Erde, so zündet es und verbrennt alles in seiner Nähe, und das Ei selbst zerschmilzt und mit ihm die kristalln'e Kugel, und all deine Mühe ist vergeblich gewesen.«
Der Jüngling stieg hinab zu der Quelle, wo der Auerochse schnaubte und ihn anbrüllte. Nach langem Kampf stieß er ihm sein Schwert in den Leib, und er sank nieder. Augenblicklich erhob sich aus ihm der Feuervogel und wollte fortfliegen, aber der Adler, der Bruder des jünglings, der zwischen den Wolken daherzog, stürzte auf ihn herab, jagte ihn nach dem Meer hin und stieß ihn mit seinem Schnabel an, so daß er in der Bedrängnis das Ei fallen ließ. Es fiel aber nicht in das Meer, sondern auf eine Fischerhütte, die am Ufer stand, und die fl'ng gleich an zu rauchen und wollte in Flammen aufgehen. Da erhoben sich im Meer haushohe Wellen, strömten über die Hütte und bezwangen das Feuer. Der andere Bruder, der Walfisch, war herangeschwommen und hatte das Wasser in die Höhe getrieben.
Als der Brand gelöscht war, suchte der Jüngling nach dem Ei und fand es glücklicherweise. Es war noch nicht geschmolzen, aber die Schale war von der plötzlichen Abkühlung durch das kalte Wasser zerbröckelt, und er konnte die Kristallkugel unversehrt herausnehmen. Als der Jüngling zu dem Zauberer ging und sie ihm vorhielt, da sagte dieser: »Meine Macht ist zerstört, und du bist von nun an der König vom Schloß der golden'en Sonne . Auch deinen Brüdern kannst du die menschliche Gestalt damit zurückgeben.« Da eilte der Jüngling zu der Königstochter, und als er in ihr Zimmer trat, so stand sie da in vollem Glanz ihrer Schönheit, und beide wechselten voll Freude ihre Ringe miteinander.
[Märchen der Brüder Grimm]
aus: Zauberpferd und Nebelriese - Hrsg. von Ulrike Blaschek-Krawczyk, Fischer-Taschenbuch-Verlag 1995